Harlem Stride Piano – Was ist das?

Rund um die Jahrhundertwende 1899/1900 entwickelte sich neben dem populären Ragtime Piano auch eine ganze Reihe weiterer Klavierstile in Amerika. Mit dem Ragtime versuchten Komponisten wie Scott Joplin und andere ein musikalisches Gegengewicht zur strengen europäischen klassischen Musik zu schaffen, in dem sie bewiesen, dass man auch populäre Musik fest auf Noten schreiben kann. Der Zugang zu Musikunterricht, der Notenlesen einschloß, war aber nur den oberen Schichten möglich. Vor allem in den ländlichen Regionen und in den Armenvierteln der großen Städte entwickelte sich deshalb eine Art Gegenbewegung für Musiker, die nicht das Privileg gehabt hatten, Noten lesen zu lernen. So entstanden in den Kneipen z.B. der “Barrelhouse-Blues” und in der Metropole New York im Viertel der Schwarzen Harlem das Stride-Piano.

Pianisten, die Stride-Piano bekannt gemacht haben sind z.B. James P. Johnson und Willie „The Lion“ Smith. Die beiden Pianisten verband eine innige Freundschaft, weil sie den gleichen gedanklichen Ansatz zum Klavierspiel hatten. Über Jahrzehnte pflegten sie, sogenannte “Piano Contests auszurichten. Da konnten sich jüngere Pianisten mit ihrer Virtuosität beweisen. Einer davon war u.a. Fats Waller, der diesen neuen Stil bei seinen ersten Auftritten als Pianist bei Stummfilm-Vorführungen zu spielen. Fats Waller hat Stride-Piano dann zum vorherrschenden Stil des Swing weiterentwickelt.

Beim Stride-Piano übernimmt die linke Hand die Funktion von Bass und Harmonie, indem im Wechsel Oktaven (oder sogar Dezimen) in der tiefen und Akkorde in der Mittellage angeschlagen werden, während die rechte Hand darüber die Melodie spielt bzw. improvisiert.

Weil der Pianist beim Stride-Spiel dominiert, treten Schlagzeug und Kontrabass als Rhythmus-Instrumente zurück. Die Gruppen umfassten meist nicht mehr als fünf bis sechs Musiker. Nur selten wurde der Stil mit größeren Bands gespielt, z. B. von Teddy Wilson.

Die Befähigung, Stride zu spielen ist, neben der Übung im Improvisieren, zu Teilen auch von der Anatomie der Hände abhängig: nur wenige Pianisten können in jeder Tonart Dezimen spielen, gleich ob mit zwei schwarzen Tasten (relativ einfach), einer weißen und einer schwarzen Taste (schwieriger) oder mit zwei weißen Tasten (schwierig, fehlerhaftes Nachbartastenspiel zu meiden). Exponent des Stride-Spieles war auch Eubie Blake, der aufgrund seiner außergewöhnlich langen Finger Duodezimen spielen konnte.

Art Tatum, als eine Art Vollender des Stils, spielte oft Passagen, die die Dezimen im Bass in Viertelnoten laufen ließen, und verzichtete dabei ganz auf die abwechselnden Akkorde.

Der Terminus „Stride-Piano“ (engl. etwa: Klavierspiel mit großen Schritten) wurde erst später von Kritikern geprägt, wurde aber zur Grundlage für alle folgenden Jazz-Piano-Stile. Ralph Sutton bezeichnete die Spielart als „Harlem Rhythm“.

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