Wie ich Charles Brown kennen lernte

Von Christian Christl

Im Januar 1991 war ich mit den Sängerinnen Jeanne Carroll und Angela Brown in Los Angeles, um Aufnahmen für eine CD mit dem „Father of the Blues“, Willie Dixon, zu machen.

Soweit ich mich erinnere, war es der dritte und letzte Tag im Studio, als unangemeldet Willie Dixon`s Manager Scott Cameron auftauchte. Er war ein kleiner Mann, mit dem geschäftliches zu verhandeln sehr schwer war. Als Manager u.a. von Muddy Waters war er mit allen Wassern gewaschen. Damals war ich nicht gut auf ihn zu sprechen, weil er uns wirklich viele Steine in den Weg gelegt hatte, um die Aufnahmen mit Willie Dixon zu organisieren. Erst später habe ich das amerikanische System rund um Künstler und ihre Manager verstanden.

Scott Cameron schlich durch das Studio, hörte sich an, wie wir aufnahmen und schien dann überrascht zu sein. Dass, was wir da aufnahmen klang nämlich wirklich gut. Und professionell. Das hatte er von einem nicht mal 30-jährigen jungen Weißen aus Germany nicht erwartet.

Jedenfalls hat es ihn so begeistert, dass er uns fragte, ob wir Lust hätten, noch am gleichen Abend auf eine Party zu gehen. Er hätte Einladungskarten. Der Pianist Charles Brown würde für die Presse und für VIP`s sein neues Album präsentieren. Im Roosevelt Hotel. Direkt am Hollywood Boulevard. Gegenüber dem Chinese Theater, wo die Oscar-Verleihungen stattfinden.

Natürlich hatten wir Lust. Alle. Und als wir den letzten Take aufgenommen hatten, fuhren wir schnell zu unserer Unterkunft, warfen uns in Schale und auf ging es nach Hollywood. Wobei „schnell“ in Los Angeles natürlich untertrieben ist: Das Studio lag in West-Hollywood, unsere Unterkunft in Riverside. Fahrtzeit rund 2 Stunden. Dann wieder zurück nach Hollywood. Wieder 2 Stunden.

Im Roosevelt Hotel ging es bei unserer Ankunft schon drunter und drüber. Überall Celebreties, roter Teppich. Typisch Amerika. An der Seite von Willie Dixon und seinem Manager fühlten wir uns aber wohl. Jeder kannte ihn und wollte ihn persönlich begrüßen. Er stellte uns auch jedem vor. Und so schüttelte ich die Hände von John Mayall, Eric Clapton, Ruth Brown und auch von Bonnie Raitt.

Dann stand er plötzlich vor uns. Groß. Aufrecht. Stolz. Charles Brown. In seinem eleganten Anzug mit dem glitzernden Sakko und der Mütze. Eine wahrhaft imposante Erscheinung. Willie Dixon stellte uns vor – und ich bin echt froh, dass in diesem Moment jemand ein Foto gemacht hat. Wir unterhielten uns kurz, aber Charles Brown war der Star des Abends, und jeder wollte mit ihm sprechen.

Ich schätze mal, es waren rund 300 geladene Leute bei der CD-Präsentation. Journalisten, VIP`s, Politiker. Musikerkollegen. Nach dem Sektempfang in der Halle ging es für alle in den Saal und fest zugewiesenen Plätzen. In der Mitte war eine Bühne aufgebaut mit einem Flügel, Schlagzeug, Gitarre und Bass. Es dauerte auch nicht lange, bis Charles Brown mit seiner Band die Bühne erklomm und zu spielen begann. Eine ganze Stunde mit bester, grooviger Musik.

Doch der wahre Höhepunkt des Abends sollte folgen. Als Brown und seine Band unter tosendem Applaus den letzten Song aus ihrem neuen Album präsentiert hatten, nahm er das Mikrofon und begann zu erzählen. Anekdoten und Geschichten aus seinem bewegten Leben. Und bei jeder Anekdote lud er einen Gast zu sich auf die Bühne. Erst Ruth Brown, die grandiose Sängerin. Dann Willie Dixon. Es kamen noch Bonnie Raitt und Eric Clapton. Und ganz zum Schluß erwähnte er mich und stellte mich als „Chrischtiän from Germany“ vor, der gerade im Studio mit Willie Dixon sei und die Zukunft des Blues in Händen halten würde. Unter tosendem Applaus ging ich auch auf die Bühne, verbeugte mich artig und war wirklich aufgeregt. Was dann folgte, wird mir unvergessen bleiben. Alle Musiker auf der Bühne starteten eine Session und ich durfte mit Charles Brown vierhändig am Flügel spielen.

Zu schade, dass ich von diesem großen Augenblick in meinem Leben kein Foto habe. Aber ich habe die Erinnerung. Und die bleibt ewig.


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