Wie ich Ray Charles kennen lernte ~ von Christian Christl

Im Frühjahr 1994 hatte ich ein Engagement bei den Ingolstädter Jazztagen. Gemeinsam mit dem Saxophonisten Gary Wiggins aus Detroit spielten wir im Rahmen des Festivals einen Brunch in einem vornehmen Hotel. Die Jazztage in Ingolstadt waren seinerzeit eine tolle Veranstaltung. Es gab eine Woche lang Jazz-Konzerte aller Art über die ganze Stadt verteilt. Open-Air Bühnen in der Altstadt. Clubkonzerte in der Gastronomie und Hotelerie. Große Konzerte in der Stadthalle. Gebucht waren immer so um die 25 Acts, die fleissig spielten. Bekannte und unbekannte Bands und Solisten. Und immer ein Superstar als Headliner. Das Publikum liebte die Jazztage. Und ich auch. So weit ich mich erinnere, habe ich dort vier oder fünfmal gespielt.

Jazzbrunch mit Folgen

Beim Jazzbrunch 1994 in jenem feinen Hotel ging es hoch her. Auftritte wie dieser mögen die wenigsten Musiker wirklich. Ich auch nicht. Ich gebe es zu. Die Nacht vorher war viel zu kurz. Wir hatten auf einer Open-Air Bühne gespielt. Im Anschluß gab es noch eine Session. Die haben wir uns nicht entgehen lassen. Das Hotelbett haben wir erst gegen vier Uhr in der Früh gesehen. Dann um neun Uhr verschlafen raus aus den Federn, irgendwie in die Auftrittsklamotten springen und versuchen pünktlich an der Bühne zu sein. Großer Vorteil an diesem Tag: Wir waren in diesem feinen Hotel vom Veranstalter untergebracht. Die Bühne war also nur die Treppe hinunter.

An den Auftritt selbst erinnere ich mich nicht wirklich. Er ging irgendwie vorüber. Ich glaube, dem Saxophonisten Gary “Detroit” Wiggins ging es genauso.

Spannend wurde es erst, als der Brunch vorüber war.

Als der Brunch gegen 14.00 h vorüber war, kam der Veranstalter ganz aufgeregt zu mir und fragte mich, was ich heute Abend vor hätte. Ich überlegte kurz und antwortete, übermüdet wie ich war, wohl irgendwie sowas wie: “Habe eine Verabredung mit dem Sofa zu Hause”. Er lachte.

“Nein. Du wirst heute Abend nicht auf dem Sofa liegen. Du spielst Vorprogramm für Ray Charles!”

Der Veranstalter erklärte mir, was passiert war. Ray Charles hatte am Abend vorher einen Auftritt in Holland und der Tourbus war auf dem Weg nach Ingolstadt irgendwo mit Motorschaden liegen geblieben. Bitte erinnert Euch: Das war 1994. Da gab es noch keine Handys.

Abends jedoch sollte er in der ausverkauften Sporthalle es ESV-Ingolstadt spielen. 1700 verkaufte Tickets. Und die Ankunft des Superstars ungewiss.

Ich sagte zu. Keine Frage. Die Veranstalter bauten vor die normale Bühne eine kleine Bühne und stellten ein Schulklavier zur Verfügung. Meine Aufgabe: So lange zu spielen, bis mir jemand ein Zeichen gab, dass Ray Charles nun bereit für seinen Auftritt sei. Die Gage, die der Veranstalter mir bot, akzeptierte ich nur zu gerne.

Also saß ich am frühen Abend nicht zu Hause gemütlich auf dem Sofa sondern am Schulklavier der örtlichen Musikschule vor 1.700 Leuten und spielte und spielte. Die eigentliche Bühne direkt hinter mir war mit einem Vorhang abgedeckt. Während ich spielte hörte ich dann irgendwann Geräusche hinter dem Vorhang und wußte, die Truppe ist eingetroffen und baut auf. Es dauerte aber noch eine halbe Ewigkeit, bis der Veranstalter mir ein Zeichen gab, ich könne nun meinen Auftritt beenden.

Brother Ray möchte dich sehen

Als ich von der Bühne ging, übrigens mit tosendem Applaus und einem echt guten Gefühl, erwarteten mich Backstage zwei schwarze Bodyguards. Ich bin eins achtzig groß. Die beiden überragten mich bei weitem. Ich sah zu ihnen auf und einer sagte: “Brother Ray wants to see you” – Brother Ray möchte Dich sehen. Stumm folgte ich den beiden in Ray Charles Garderobe.

Als wir eintraten führten sie mich zum Meister. Er stand gleich auf, nahm meine Hände und lächelte über das ganze Gesicht. Keine Spur vom Streß der Autopanne und dem verspäteten Eintreffen. Er hatte mit Sicherheit schon schlimmeres erlebt. Er lächelte mich also an, hielt meine Hände in den seinen und sagte: “Das hat mir außerordentlich gut gefallen, was du gespielt hast. Hör nie auf damit!”

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