Was ist eigentlich „Ragtime“?

Viele Spielarten des Jazz haben die Zeit überdauert. Aber wohl kaum eine andere Richtung erfährt im Mutterland USA einen derart hohen Stellenwert wie der Ragtime.

Immer mehr junge Pianisten begeistern sich für Ragtime. Und in vielen Städten Amerikas gibt es reine Ragtime-Festivals. Auch der Notenverkauf boomt.

Woher kommt der Name?

“Ragtime” kommt vom amerikanischen Begriff “ragged”, was so viel bedeutet wie “auseinander gerissen – nicht zusammen hängend”. Denn genaus das zeichnet die Musik aus. Eine andere Deutung legt ein Hinweis im Musical Record von 1899 nahe, in dem es heißt: „The negroes call their clog-dancing ‚ragging‘ and the dance a ‚rag‘.“ Während um 1900 mit Ragtime verschiedene Sparten des afro-amerikanischen Musik-Entertainments bezeichnet wurden und selbst John Philip Sousa orchestrierte Ragtimes in sein Repertoire übernahm und Bluesmusiker wie Blind Blake und Blind Boy Fuller den Ragtime auch auf die Gitarre übertrugen, versteht man heute darunter zumeist den auf dem Klavier gespielten „City-Ragtime“. Eine dritte, kontrovers diskutierteMöglichkeit zeigt Blues-Forscher Karl Gert zur Heide auf, der einerseits auf stark beachtete US-Auftritte von Raqs-Sharki-Gruppen im Entstehungszeitraum des Ragtimes hinweist, darunter auch bei der Weltausstellung 1893 in Chicago andererseits analytisch eine hohe rhythmische Verwandtschaft von Ragtime und Raqs Sharki bestimmt.

Der „Cakewalk“

Mit dem Cakewalk kam in den 1890ern eine Tanzmode auf, zu der synkopierte Musik gespielt wurde. Die Synkopierung der Melodien leitete sich aus der afroamerikanischen Rhythmik derjenigen Volksmusik ab, von der letztlich diese neue Tanzmusik herkam. Vorläufer lassen sich bereits seit etwa 1860 feststellen. Andre Asriel zufolge wurde volkstümliche, ragtimeartige Klaviermusik im mittleren Westen und im Osten der USA schon lange vor der ersten Drucklegung von Ragtime-Kompositionen gespielt. „Dabei handelt es sich um naive Übertragungen der zur Begleitung des volkstümlichen Cake Walk gebräuchlichen Banjo-Spielweise auf das Klavier.“ Den voll entwickelten Ragtime aber gab es erst seit etwa 1885, als musikalisch ausgebildete Pianisten-Komponisten sich dieses Materials bemächtigten und „es auf eine höhere Stufe künstlerischer Vollkommenheit hoben“,wie etwa Ben Harney mit „You’ve Been a Good Old Wagon But You’ve Done Broke Down“.

Wo entstand der Ragtime?

Der Entwicklungsschwerpunkt des Ragtime lag in Missouri. 1897 erschienen die ersten Ragtime-Kompositionen, zuerst der Louisiana Rag von Theodore Northrup. Der erste bedeutende Ragtime-Musiker und -Pianist war Tom Turpin, dessen 1892 komponierter Harlem Rag ebenfalls 1897 veröffentlicht wurde. Eubie Blake überlieferte später einen Rag des reisenden Pianisten Jesse Pickett von 1897, ein Stück, das noch etwas essayistisch wirkte. Ebenso erschien im selben Jahr 1897 Ben Harney’s Ragtime Instructor mit von Theodore Northrup geschriebenen Ragtime-Arrangements populärer Melodien.

Die Weltausstellung 1904

Der Weltausstellung in St. Louis im Jahre 1904 (Louisiana Purchase Exposition), in deren Rahmen Tom Turpin einen großen Ragtime-Wettbewerb veranstaltet hatte, wurden etliche Ragtimes gewidmet, unter anderem der St. Louis Rag von Tom Turpin, der St. Louis Tickle von Theron Catlen Bennet und The Cascades in Erinnerung an die Weltausstellungswasserspiele von Scott Joplin. Der Ragtime hatte damit, also fünf Jahre nach Erscheinen von Joplins Maple Leaf Rag (Auflage 1/2 Mio.), den ersten emotionalen Höhepunkt für seine Musiker. Ein Hauptort des Ragtime wurde Joplins Wohnort Sedalia, Missouri, wo auch sein Verleger John Stark seit 1885 ansässig war. Ein weiteres Zentrum des Ragtime wurde Atlantic City.

Von 1906 bis zum Ersten Weltkrieg war Ragtime die populäre Musik in den USA und wurde schließlich auch in Europa populär.Nicht mehr streng der Form der Ragtimekomposition entsprechend, sondern nur noch Stilelemente des Rag benutzend, waren zu dieser Zeit die sogenannten Ragtime-Songs – Schlager im Stil der Zeit – weit verbreitet. Von den größeren Ragtime-Bands wurde die von James Reese Europe in New York besonders populär. Reine Saxophon-Ensembles präsentierten Ragtime auf neuartige Weise.

Mit dem Tode Scott Joplins im Jahre 1917 endete die Ragtime-Ära und wurde durch die Jazz-Ära abgelöst. Aber auch in dieser Zeit entstanden noch neue Rags, vorwiegend pianistisch verwegene Kompositionen, die man auch Novelty oder Novelty Ragtime nannte. Eubie Blake hatte zusammen mit Noble Sissle 1921 großen Erfolg mit der Broadway-Show Shuffle Along, die Musik, die sein Shuffle Along Orchestra dazu spielte, war geprägt vom Ragtime, aber auch schon vom Jazz.

Pianisten, die heute noch Ragtime spielen

…gibt es eine ganze Reihe. In Europa ist es z.B. Sébastien Troendlè aus Straßbourg in Frankreich. In Amerika gehört Brian Holland zu den wichtigsten Pianisten. Er ist gleichzeitig der musikalische Leiter des Scott Joplin Festivals in Sedalia, Missouri.

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