Wie ich Willie Dixon kennen lernte ~ von Christian Christl

Im Sommer 1990 war ich viel mit der Sängerin Jeanne Carroll auf Konzert-Tour. Und sie lag mir ständig in den Ohren, dass Sie diese und jene Promis kennen würde. Und dieser und jener Promi hätten ihr auch dies und das versprochen. Unter anderem Willie Dixon, der, so sagte sie, ihr ein Album versprochen hätte. Damals, in den 1960er Jahren. Natürlich glaubte ich ihr anfangs nicht. Als sie aber immer wieder davon sprach, ging sie mir damit so sehr auf die Nerven, dass ich eines Tages zu ihr sagte: “Wenn Willie Dixon dir ein Album schuldet, dann ruf ihn halt einfach mal an!” Sie holte ihr kleines Adressbuch hervor – und tatsächlich – da stand die Privatnummer von Willie Dixon.

 

Die private Telefonnummer von Willie Dixon

 

Zu Willie Dixon muss man wissen, dass er in den 1950er Jahren den Grundstein für den Erfolg des Chicago Blues legte, wie wir ihn heute kennen. Er arbeitete als Talent-Scout, Komponist, Studio-Arrangeur und Bassist vor allem beim Chess-Records Label und brachte dort Leute wie Muddy Waters, Howling Wolf, Chuck Berry und viele andere ins Studio. Von Willie Dixon stammen Hits wie “Hoochie Coochie Man”, “I just wanna make love to you” oder auch “Spoonful”. Alle Infos über Willie Dixon findest Du in unserem “HiStory Portrait Willie Dixon”.

Willie Dixon war also damals für mich ein “Star”, jemand ganz großer in der Blueswelt. Einer, der hunderttausende von Platten verkauft hatte, einer, der ganz wichtigen.

 

Und in jenem Sommer 1990 steht also die Sängerin Jeanne Carroll vor mir und holt aus ihrem kleinen Notizbuch die private Telefonnummer von Willie Dixon hervor und ruft ihn an. Tatsächlich hat er auch den Hörer abgenommen und die beiden haben ein wenig über die guten, alten Zeiten geplaudert. Jeanne kam jedoch schnell auf den Punkt und fragte ihn ob er sich erinnern würde, dass er ihr ein Album versprochen hätte. Ja, er erinnerte sich. Und Jeanne sagte ihm, sie sei jetzt in Deutschland und hätte da jemanden, der das organisieren könne: mich!

 

Ein erstes Telefonat mit dem „Father of the Blues“

 

Sie reichte mir den Hörer und ungläubig sprach ich ins Telefon:

“Ist das wirklich Willie Dixon?”

Er antwortete mit einem Lachen: “Ja!”

Und ich wollte wissen: “Stimmt es, dass Sie Jeanne Carroll ein Album versprochen haben?”

Wieder lächelte er ins Telefon: “Ja!”

Ich war sprachlos. Aber ich nahm meinen Mut zusammen und fragte weiter: “Wie können wir das organisieren?”

Er überlegte kurz und antwortete: “Rufen Sie meinen Manager an, Scott Cameron. Mit ihm können Sie alle Details vereinbaren.”

Ich zögerte, und hatte noch eine Frage. “Darf ich Sie fragen, wieviel Geld sie für die Aufnahmen haben wollen?”

Dixon antwortete prompt: “Was immer sie mir zahlen mögen, ist o.k. Ich habe es Jeanne ja versprochen!”

Damals hatte ich keine Ahnung oder Erfahrung, was man einem Mann wie Willie Dixon für Studioaufnahmen bezahlen muss. Also wollte ich wissen: “Sind 500,– US Dollar für Sie in Ordnung?”

Wieder lächelte er ins Telefon. “Natürlich. Ich habe es Jeanne ja versprochen!”

Er gab mir noch die Kontaktadresse zu seinem Manager, fügte aber hinzu, dass der mich wohl auslachen würde, aber ich solle mich nicht abwimmeln lassen. Ich sollte Scott Cameron sagen, dass er mit Willie telefonieren solle, damit alles klappen würde.

 

Die Organisation der Plattenaufnahmen beginnt

 

Noch am gleichen Tag rief ich Scott Cameron in Los Angeles an. Er war in der Blues-Szene ein wichtiger Manager, hatte Leute wie Muddy Waters gemanaged und die Vorzimmerdame wollte mich nicht durchstellen. Erst als ich Druck machte und ihr sagte, ich hätte gerade mit Willie Dixon gesprochen, stellte sie mich durch.

Scott Cameron war unfreundlich und genervt am Telefon. Als ich mein Anliegen vorgebracht hatte erwiderte ganz geschäftsmäßig: “Was glauben Sie wieviele Leute mich anrufen und mir sagen, Dixon hätte ihnen ein Album versprochen? Stellen Sie sich hinten an. Da sind ein paar hundert andere vor Ihnen dran!”

Ich sagte ihm dann kühl, er solle einfach Willie Dixon anrufen und ihn fragen. Dann würde er schon merken, dass meine Anfrage seriös sei.

Es dauerte ein paar Tage bis mein Telefon klingelte und Scott Cameron am Apparat war. Unwirsch erklärte er mir, dass wir das jetzt organisieren müssen. Wir einigten uns termlich auf die erste Januar-Woche 1991 und Cameron versprach, ein Übungs-Studio zu buchen. Und ein richtiges Studio für die Aufnahmen. Er würde mir dann ein Fax schicken mit den Kosten, die ich sofort zu überweisen hätte. Das musikalische solle ich mit Willie Dixon abstimmen.

So bezahlte ich Monate vor den Aufnahmen mehrere tausend Dollar an zwei mir nicht bekannte Studios in Los Angeles in der Hoffnung, es möge alles klappen.

 

Die Songs für die Aufnahmen auswählen

 

In den nächsten Tagen telefonierten Jeanne und ich sehr viel mit Willie Dixon und besprachen die Details. Willie Dixon schickte mir eine Cassette mit einer Songauswahl. In seiner heimischen Garage hatte er ein kleines Studio eingerichtet. Jeden Song erklärte er kurz und überließ die tatsächliche Auswahl Jeanne und mir. Dixon versprach auch eine Band mit hervorragenden Musikern zusammen zu stellen. Zwei Tage dann Anfang Januar im Übungs-Studio sollten reichen, meinte er. Dann können wir an die Aufnahmen gehen.

Zwei Tage vor Abflug erreichte mich ein Fax von Scott Cameron: “Lieber Christian, wenn Du denkst, dass Willie für Dich eine Band zusammen stellt, dann hast Du Dich getäuscht. Das ist deine Aufgabe!”. Bumm. Das saß. Wie sollte ich so kurzfristig gute Musiker finden. Vorallem nachdem Willie Dixon versprochen hatte, dies zu tun? Dixon war telefonisch nicht zu erreichen. Also entschieden Jeanne und ich, wir würden die Aufnahmen in Los Angeles zu dritt machen: Jeanne Vocal, Willie am Bass und ich am Klavier. Ob wir dann weitere Musiker hinzunehmen, würden wir entweder vor Ort oder später in Deutschland entscheiden.

 

Die Reise beginnt

 

Der Zeitpunkt Anfang Januar nach Kalifornien zu fliegen war ideal. Jeanne Carroll, die Sängerin Angela Brown aus Chicago und ich hatten noch an Silvester 1990 einen Auftritt in der Nähe von Frankfurt am Main und die Flüge waren gebucht von Frankfurt nach Los Angeles am 1.1.1991.

Als wir in Los Angeles landeten, mieteten wir ein Auto und fuhren direkt zu Willie Dixon`s Privathaus im Stadtteil Glendale. Ich war überrascht. Eine stattliche Villa mit einem großen Garten mit Pool und einer Garage stand da. Und Willie Dixon, seine Frau Marie und einige seiner 16 Kinder erwarteten uns schon. Die Begrüßung war herzlich. Vorallem zwischen Jeanne und Willie, die sich seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatten.

Dixon lud uns in sein Wohnzimmer ein. Wir wurden köstlich versorgt und Marie Dixon sorgte für eine angenehme Atmosphäre. Willie Dixon bat mich, an seinem Flügel Platz zu nehmen und etwas zu spielen. Er meinte, er könne mich nicht einschätzen weil er mich ja noch nie spielen gehört hatte. Was für ein Moment! Was sollte ich jetzt bloß spielen? Also nahm ich Platz und spielte einfach drauf los. Eine von Willie`s Töchter, Ivetta, holte ihrem Vater einen kleinen rosa Standbass aus dem Studio. Er saß in seinem großen Ohrensessel, hörte mir zu und begann dann zu dem, was ich spielte, ebenfalls zu spielen. Jeanne Carroll und Angela Brown begannen zu singen. Auch die Kinder von Willie Dixon stimmten mit ein und aus dem Nichts entstand eine wunderbare Nachmittags-Session im Wohnzimmer von Willie Dixon.

 

Die Musiker für die Aufnahmen kommen zusammen

 

Es klingelte an der Tür. Ein großer, schwarzer Mann kam herein, eine Gitarre in der Hand: Cash McCall. Ich kannte ihn nur von Zeitungsberichten. Eine Ikone des Chicago Blues! Es klingelte wieder. Al Duncan, ein schwarzer Schlagzeuger schaute vorbei, mit einer kleinen Trommel in der Hand. Dann kam noch Stanley Behrens, ein grandioser Saxophonist. Die Jam-Session war in vollem Gange.

In einer Spielpause fragte ich Cash, Al und Stan, was sie die nächsten Tage machen würden. Sie schauten sich an und sagten, Willie hätte sie gebucht mit uns im Studio aufzunehmen. Ich war überrascht und kramte aus meinem Gepäck das Fax von Scott Cameron heraus. Willie Dixon war wütend. Er entschuldigte sich bei mir für seinen Manager und sagte, es sei alles in Ordnung. Die Jungs würden mit uns spielen und aufnehmen. Erleichtert atmete ich durch, wollte aber wissen, wieviel Gage sie erwarteten. Denn immerhin ging damals alles nur mit Bargeld. Teure Auslandsüberweisungen, zumal noch Wochen später, waren nicht üblich. Und ich hatte schlichtweg nicht viel Bargeld mitgenommen in dem Wissen, wir wären nur zu dritt im Studio.

Also bat ich die Musiker mir mitzuteilen, wieviel sie für die Aufnahmen an Honorar gerne hätten. Sie lachten und sagten, es wäre o.k. wenn ich ihnen bezahlen würde, was von der Gewerkschaft vorgeschrieben sei. Da ich nicht wußte, wie die Sätze der Gewerkschaft sind, wollte ich konkrete Zahlen hören.

Sie meinten, 500,– US Dollar pro Song pro Musiker. Da wurde ich bleich und mein Herz blieb fast stehen. Ich sah sie an und gab zurück, dass ich soviel Bargeld nicht bei mir hätte. Ich könne ihnen 50,– US Dollar pro Song pro Musiker bezahlen, aber mehr sei nicht drin. Da lachten sie wieder und waren einverstanden. Und ich atmete tief durch.

 

Erst mal üben, dann aufnehmen

 

Die beiden Tage verbrachten wir in einem Übungs-Studio. Ein einfacher Raum in Downtown Los Angeles. Es regnete in Strömen. Aber das war uns egal. Wir waren ja zum Arbeiten nach Kalifornieren gekommen. Nicht als Touristen.

Das Aufnahmestudio selbst war gigantisch. Noch nie hatte ich so ein Studio gesehen. Eigentlich war das Studio eine Halle. In der Mitte war der Haupt-Aufnahmeraum und rings herum einzelne, schalldichte Kabinen für die Instrumentalisten. Der Flügel war im Haupt-Aufnahmeraum. Dort spielte ich und Willie Dixon saß auf einem kleinen Stuhl direkt neben mir. Vor jedem Song ging er die Einzelheiten mit mir durch und sang mir vor, wie er wollte, dass ich Begleitpatterns spiele, oder auch meine Solo-Teile. Ich habe in diesen drei Tagen mehr am Klavier gelernt als in all der Zeit davor.

Auch Scott Cameron ließ sich am letzten Tag der Aufnahmen blicken, sagte kurz hallo und verschwand wieder, nicht aber ohne eine Einladung für den gleichen Abend im Roosevelt Hotel in Hollywood auszusprechen. Der Pianist Charles Brown würde dort eine Opening-Night zur Präsentation seiner neuen Platte spielen. Und wir wären alle eingeladen. Dazu aber mehr in einem anderen Blog über “How I met: Charles Brown”.

Nachdem die Aufnahmen im Kasten waren, trafen wir uns noch alle zum gemeinsamen Abendessen. Ein ganz wunderbarer Abend mit Willie Dixon, seiner Frau Marie und all den Musikern.

 

Analoge Aufnahmebänder aus den USA nach Europa bringen

 

Anfang der 1990er Jahre war ja noch vor dem digitalen Zeitalter. Damals wurden Aufnahmen auf sogenannte Sendebänder kopiert. Im Falle der Willie Dixon Aufnahmen hatte ich drei große Pakete mit je 7 Kilogramm, die ich von Los Angeles nach Hause transportieren musste. Das Abmischen der Sendebänder sollte in Deutschland in einem Studio stattfinden.

Ich jedoch saß am Flughafen in Los Angeles und versuchte, mit diesen drei großen Paketen und meinem Gepäck einen guten Sitzplatz im Flieger zu bekommen. Mein Gepäck gab ich ganz normal am Schalter auf. Die Sendebänder jedoch wollte ich als Handgepäck mitnehmen. Bei der Kontrolle am Gate wollten die Beamten wissen, was das sei. Ich erklärte es ihnen und so wollten einen Blick in die Kisten und auf die Bänder werfen. Dies war natürlich nicht möglich und hätte die Aufnahmen wohl zerstört. Als ich aber erwähnte, dass dies Aufnahmen mit Willie Dixon seien, dem “Vater des Blues”, outete sich einer der Beamten als Bluesfan. Er kenne Willie Dixon und den “Hoochie Coochie Man”. Im Handgepäck hatte ich auch die Biographie von Willie Dixon mit einer persönlichen Widmung. Die zeigte ich zum Beweis her. Und durfte passieren.

Die Veröffentlichung der Aufnahmen war im Sommer 1991. Gemeinsam mit der Plattenfirma Acoustic Mucic Records aus Osnabrück hatten wir auch einen Vertrieb gefunden, der das damals neue Medium “CD” in die Läden in Deutschland brachte.

Willie Dixon starb ein Jahr nach unserer Zusammenarbeit. Wie sich heraus stellte, waren unsere Aufnahmen für die CD “Tribute to Willie Dixon” die letzten, die er in seiner langen Karriere gemacht hatte.

Und für mich ist dieses Erlebnis bis heute ein großer Schatz.

Bayoogie Newsletter bestellen

TRAG DICH EIN UND ERHALTE DIE NEUESTEN PIANO BOOGIE WOOGIE TIPPS & INFOS UNREGELMÄSSIG
IN REGELMÄSSIGEN ABSTÄNDEN. KOSTENFREI.
D A T E N S C H U T Z E R K L Ä R U N G

Next Post

Shimme like my Sister Kate ~ jetzt spielen lernen

Sa Jun 4 , 2022
Bitte dieses Feld leer lassen Bayoogie Newsletter bestellen E-Mail-Adresse * TRAG DICH EIN UND ERHALTE DIE NEUESTEN PIANO BOOGIE WOOGIE TIPPS & INFOS UNREGELMÄSSIGIN REGELMÄSSIGEN ABSTÄNDEN. KOSTENFREI.D A T E N S C H U T Z E R K L Ä R U N G Prüfe deinen Posteingang oder […]