Wie ich Jeanne Carroll kennen lernte

Jeanne Carroll (15.01.1931 – 09.08.2011) aus Chicago war eine der wenigen Sängerinnen, die mit einer wunderbaren Leichtigkeit zwischen Jazz und Blues hin und her wechseln konnte.

Dazu ist wichtig zu wissen, dass es in Chicago, wie in vielen anderen Teilen der Welt, eine klare Trennlinie zwischen den Jazzern und den Bluesern gibt. Wenn du in der Jazz-Szene auftrittst, ist es verpönt, auch bei den Bluesern zu spielen.

Jeanne Carroll hat sich darum nie groß gekümmert. Sie ist in Ruleville, Mississippi, geboren und aufgewachsen. Unweit von Vicksburg, wo ein Jugendfreund von Jeanne Carroll wohnte: Willie Dixon. Sie sollten ihr ganz Leben lang verbunden bleiben. Noch im Kindesalter zog sie mit ihren Eltern über Memphis, Tennesse, nach Chicago.

 

Ihre Stimme war immer ein wenig kühler als die der Blues-Sängerinnen ihrer Tage, ihre Phrasierung von Textstrophen immer ein bisschen laid back, also „hinter“ dem eigentlichen Takt. Ihre Vorliebe auch für Jazz machte sie ganz bald in Chicago zum Geheimtipp. Duke Ellington wurde auf sie aufmerksam und engagierte sie für einige Shows. Auch Count Basie buchte sie, als sein eigentlicher Sänger Joe Williams keine Zeit hatte.

Trotz all der großen Möglichkeiten blieb Jeanne Carroll immer nur in Chicago. Während sie zu Hause ihre drei Kinder großzog, spielte sie gelegentlich auch in den Bluesclubs der Windy City, trat mit Muddy Waters, mit Little Brother Montgomery und ihrem Freund aus Jugendtagen Willie Dixon auf.

Aufbruch nach Europa in ein neues Leben

1990, als ihre Kinder erwachsen waren, brach sie in ein neues Leben auf und folgte ihrer Freundin Angela Brown nach Europa. Angela lebte schon seit 1989 in Deutschland und konnte Jeanne ein kleines, aber sicheres Fundament an Kontakten zu Veranstaltern, Musikern und Agenten bieten.

Damals lebte Angela in meiner alten Heimat Freising im Herzen Altbayerns. Als Jeanne in Deutschland ankam, holten wir sie gemeinsam vom Flughafen ab. Vor mir stand eine sehr elegante Dame mit schlohweissem, kurzem Haar – und völlig durcheinander. Wir brachten sie erstmal bei einer Freundin unter. Dorle war in München in den 1990er Jahre sowas wie der gute Geist für alle schwarzen Musiker aus Amerika. Jeanne bekam bei Dorle ein Zimmer und war erstmal versorgt.

Ich konnte meine Kontakte zu Agenten und Konzertveranstaltern spielen lassen und versuchte, möglichst kurzfristig Auftritte für Jeanne zu organisieren. Nun sind aber vorallem im Konzertbereich die Planungen bei uns in Deutschland langfristig. Also nahmen Angela und ich Jeanne einfach mit, wenn wir irgendwo einen Auftritt hatten.

Mit Jeanne Carroll zu arbeiten war anders als mit Angela Brown. Angela war die Meisterin im Improvisieren und hielt sich nicht lange mit musikalischen Details auf. Sie war die Big-Blues-Mama, die einfach drauf los sang und ihren Blues unter die Leute brachte.

Jeanne Carroll hingegen war von Duke Ellington und Count Basie gewohnt, strikt nach musikalischem Plan zu arbeiten. In ihrem Gepäck hatte sie Unmengen an Sheets dabei, die sie mir bei einer unseren ersten Proben sofort auf das Klavier legte und sagte: „Los geht`s…“. Das war auch für mich ungewohnt aber ich lernte recht schnell nach Akkord-Folgen zu spielen.

Erste gemeinsame Konzerte

Auch ein erster Auftritt mit Jeanne Carroll im Duo stand bevor, irgendwo in Westfalen in einem Jazzclub. Dummerweise hatten wir nicht genau abgesprochen, welche Songs wir machen und so ging ich davon aus, dass ich – ähnlich wie bei den Konzerten mit Angela – einfach zwei oder drei Solo-Titel vorspielen würde, um Jeanne Carroll dann entsprechend anzukündigen. Was ich auch tat. Wir spielten zwei Lieder und dann huschte sie von der Bühne. Sowohl das Publikum und noch mehr ich selbst waren verblüfft. Ich bat kurz um Verständnis, lief ihr hinterher und holte sie zurück auf die Bühne, um das erste Set gemeinsam zu beenden.

Es stellte sich heraus, dass Jeanne Carroll es schlichtweg von den Auftritten mit Count Basie und Duke Ellington, als auch als Gast bei vielen Bluesbands gewohnt war, zwei Lieder zu singen und dann die Bühne wieder den anderen Musikern zu überlassen. Dieses Mißverständnis konnten wir schnell klären und von da an blieb sie anständig auf der Bühne.

Jeanne zog ein paar Wochen später gemeinsam mit Angela und dem Sänger Albert C. Humphrey in ein Haus in Freising. Wir nannten es das „Blues-House“.

Eine kleine Geschichte möchte ich noch erzählen. Mitte der 1990er Jahre bekamen Jeanne Carroll und ich das Angebot beim Bluesfestival in Linz am Rhein aufzutreten. Aus terminlichen Gründen konnten wir von München aus nicht gemeinsam anreisen. Ich nahm das Flugzeug nach Köln, mietete mir ein Auto und fuhr den Rhein entlang hinunter nach Linz. Jeanne reiste gemeinsam mit Freundin Dorle aus München an. Für mich war damit sicher, dass Jeanne in Begleitung von Dorle sicher zum Auftrittsort in der Stadthalle in Linz kommen würde.

Weit gefehlt. Ich stand über Stunden gemeinsam mit dem Veranstalter da und wartete und hoffte, dass Jeanne erscheinen würde. Damals gab es keine Handy`s um schnell mal nachzufragen, wo sie sich gerade befindet. Wir waren darauf angewiesen, Nachricht von ihr zu bekommen. Irgendwie. Aber es kam nichts. Gut, dass der Veranstalter noch zwei andere Bands im Programm hatte, die den Abend vor ausverkauftem Haus streckten. Kurz vor Mitternacht ging die Tür auf und eine abgehetzte Dorle und eine schweißüberstömte Jeanne Carroll kamen herein.

Komplizierte Anreise

Und die Geschichte ihrer Anreise hat es in sich. Jeanne hatte Dorle erzählt, sie würden in Linz spielen. Nicht wissend, dass es mehrere Städte mit dem gleichen Namen gibt. Also reisten Dorle und Jeanne mit dem Zug von München nach Linz in Österreich. Als sie die dortige Stadthalle verschlossen antrafen, zeigte Jeanne Dorle zum ersten Mal den Konzertvertrag, in dem genau stand wo der Auftritt war. Dorle fiel aus allen Wolken. Aber als Frau eines Rechtsanwaltes war sie gewohnt, pragmatisch zu handeln. Sie setzten sich in ein Taxi, ließen sich zum Flughafen in Linz, Österreich bringen und nahmen die nächste Maschine nach Frankfurt am Main. Von dort sollte es mit dem Zug über Mainz nach Linz am Rhein weiter gehen. Doch der Zug konnte aufgrund eines Gleisschadens nicht durchfahren und alle Passagiere wurden auf Busse verteilt. Wie sie es letztendlich schafften, kurz vor Mitternacht doch noch in Linz am Rhein anzukommen grenzt an ein Wunder. Aber Jeanne war Profi genug und wir zogen unseren Auftritt nach Mitternacht mit viel Spielfreude durch.

Kurze Zeit später zog Jeanne von Freising nach Nürnberg. Sie kam dort bei Freunden unter, in einer Wohngemeinschaft. Angela zog nach Osnabrück und Albert C. Humphrey hatte damals gerade seine spätere Ehefrau kennen gelernt. Die Blueshauptstadt Freising war somit Vergangenheit.

Jeanne und ich verloren uns Ende der 1990er Jahre aus den Augen. Ich hörte erst 2011 wieder von ihr, als mich Angela anrief und mir mitteilte, Jeanne sei gestorben. Bei einem Konzert in Belgien. Mitten auf der Bühne. Einfach zusammen gebrochen.

Ich vermisse Jeanne Carroll noch heute. Sie war eine wunderbare, elegante Dame und sang den Blues wie keine zweite.

Christian Christl

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