21 Jahre Boogie Festival A-Arnfels in der Steiermark

Über die Faszination des Boogie Woogie Pianos in der Steiermark

Von Christian Christl

Michael Hortig aus Graz hat eine Leidenschaft: Barrelhouse- und Boogie Piano. Kein geringerer als der Pianist Roosevelt Sykes weckte bei ihm die Liebe zu dieser Musik. Das war bei einem Konzert im legendären Jazzland in Wien in den 1970er Jahren. Hortig begann selbst Blues am Klavier zu spielen. Begegnete Menschen, die sich ebenfalls für den Boogie Woogie begeisterten. Hans Maitner zum Beispiel. Der war in ganz Österreich bekannt wie ein bunter Hund, weil er Radio- und Fernsehsendungen im ORF mit altem Jazz und Boogie Woogie moderierte. Hortig unternahm auch Reisen in den USA, suchte und fand Pianisten, die bereits in den 1930er Jahren aktiv waren.

Dann musste sich Hortig entscheiden: Entweder eine (unsichere) Karriere am Klavier, oder Familie, fester Job und regelmäßiges Einkommen. Er wählte die klassische Variante. Verlor über die Jahre aber nie den Kontakt zum Boogie Woogie, zum Barrelhouse Piano und zu den Protagonisten, die damit ihre Brötchen verdienten.

Im Jahr 2001 saß Michael Hortig mal wieder bei einem Konzert im Publikum. Auf der Bühne: Martin Pyrker aus Wels. Er gehört zu den Ikonen des klassischen Blues- und Boogie Woogie Pianos in Österreich. Neben Hortig im Publikum der Vorsitzende des Kulturvereins Arnfels in der Steiermark.

Die Begeisterung des Boogie Woogie ist ansteckend, motivierend und gebiert die verrücktesten Ideen. Im Gespräch entstand der Gedanke eines Boogie Festivals in Arnfels. Der Kulturverein würde für den Auftrittsort, die behördlichen Genehmigungen und die Werbung sorgen. Michael Hortig sollte seine Kontakte spielen lassen und die besten Pianisten und Musiker aus Blues, Barrelhouse und Boogie Woogie in die Steiermark holen.

Zwischen Theorie und Praxis liegen aber bekanntlich Welten.

Im Jahr 2001 war Covid noch 20 Jahre weit weg. Die wirklich guten Pianisten spielten teilweise mehr als 100 Konzerte pro Jahr. Ihr Terminkalender war meist viele Jahre im Voraus prall gefüllt. Geld verdienen als Boogie Pianist war tatsächlich noch möglich. Wie also sollte der Kulturverein in Arnfels ein Piano Festival finanzieren? Sponsoren winkten ab. Regionale oder überregionale Kultur-Töpfe waren erschöpft. Ein Boogie Woogie Abend in Arnfels würde sich ausschließlich aus Ticketverkäufen tragen müssen. Trotzdem. Die Entscheidung war gefallen. Der Kulturverein würde ein eventuelles Minus in der Kasse durch das Budget in der Vereinskasse ausgleichen. Dazu kam es aber in 21 Jahren Boogie Festival Arnfels nie.

Qualität statt Quantität

Michael Hortig`s Konzept für Arnfels war einfach und genial: Qualität statt Quantität. Lieber zwei oder drei großartige Pianisten auf der Bühne als vierzehn, die nicht wissen, wie man Töne moduliert.
Dazu zwei Klaviere. Ein Konzertflügel und ein Klavier, dass man in Österreich liebevoll Pianino nennt. Ganz wie damals Ende der 1930er Jahre in der Carnegie Hall. Beim legendären Konzert „From Spirituals to Swing“ stand auch ein Konzertflügel und ein hohes, altes Klavier auf der Bühne. Der Grund dafür war einfach: Das Klavier symbolisiert, woher die Musik kommt. Nämlich aus den Kneipen und Spelunken. Der Konzertflügel zeigt, wohin die Musik eigentlich heutzutage gehört. Auf die klassischen Konzertbühnen.

Im Mai 2002 war es soweit. Das erste Boogie Festival in Arnfels ging an den Start. Auf der Bühne Raphael Wressnig, ein heute viel geachteter Organist. Und Michael Hortig selbst. Im Herbst des gleichen Jahres folgte die zweite Ausgabe. Diesmal mit Martin Pyrker und Michael Hortig. Pyrker wurde im Laufe der Jahre insgesamt neunmal eingeladen.

Im Jahr 2005 sagte zum ersten Mal Axel Zwingenberger zu. Und war seitdem jährlich dabei. Das Boogie Festival in Arnfels dürfte damit wohl das einzige sein, bei dem Zwingenberger seit 17 Jahren jährlich aufgetreten ist.

Ein feines Händchen bei der Auswahl der Pianisten

Die Unterschiede im Stil der Pianisten sind ja fein zieseliert. Fachleute hören Details in Rhythmik, Akkorden oder auch Interpretation leichter als das geneigte Publikum. Umso schöner, dass Hortig – immer vor dem Hintergrund, dass es keine Sponsoren und keine öffentliche Förderung gibt und sich das Boogie Festival in Arnfels rein durch Ticketverkäufe finanzieren muss – tolle Musiker nach Arnfels einladen konnte: Neben den schon erwähnten Martin Pyrker und Axel Zwingenberger waren auch Christian Willisohn, Frank Muschalle, Jörg Hegemann, Daniel Ecklbauer, Günther Straub, Christian Christl, Christian Noll, Sabine Pyrker, Lila Ammons oder auch Joachim Schumacher auf der Bühne in Arnfels zu erleben. Jeder zumindest zweimal, damit der persönliche Klavierstil auch entsprechend gewürdigt wird. Im Gegensatz zu anderen Boogie-Festivals präsentierten sich die Pianisten stets in einem ausgedehnten Solo-Set. Quasi ein Mini-Solo-Konzert. Erst gegen Ende der Show gab es dann spontane Begegnungen an zwei Klavieren. Natürlich bis hin zum großen Finale mit allen Künstlern auf der Bühne.

Sag zum Abschied leise Servus

2022 wird das letzte Boogie Festival in Arnfels stattfinden. Der Kulturverein löst sich auf. Für den finalen Vorhang in der Steiermark holt Michael Hortig nochmal kräftig aus. Neben dem schon obligatorischen Axel Zwingenberger steht Christian Willisohn mit seinem New Orleans- und Blues-Piano auf der Bühne. Und Cili Marsall, eine junge Pianistin aus Wien, die in kürzester Zeit für Furore auf den Bühnen in Europa sorgt. Michael Hortig wird auch auf der Bühne sein und Barrelhouse Piano spielen. Termin ist Samstag, 8. Oktober. (Hier geht`s zur Veranstaltungs-Seite)>>

Reminiszenzen eines Protagonisten

Ich selbst war zweimal in Arnfels dabei. Ein durchaus besonderes Erlebnis. Denn ich wohne im Ruhrgebiet. Von hier mit dem Auto bis nach Arnfels in der Steiermark sind es fast runde 1.000 km. Eine lange Fahrt also. Spannend ist für mich die erste Begegnung mit dem Auftrittsort. In Arnfels die Turn- und Sporthalle. Wo sonst kleine und große Sportler schwitzen steht eine Bühne und lädt zum schweißtreibenden Piano-Konzert. Künstlergarderoben sind die Umkleidekabinen. Der Kulturverein versorgt die Künstler dort mit Getränken und belegte Semmeln. Nach und nach treffen die Musiker-Kollegen ein. Von Anfang an wird mir klar, hier geht es kollegial zu. Wir kennen uns. Wir respektieren uns. Was bei anderen Events ähnlicher Ausrichtung als Wettbewerb (schneller, höher, weiter am Klavier) verstanden wird, ist in Arnfels familiär und einfach nur entspannend.

Unvergessen die Jause (Brotzeit) nach dem Konzert. Wenn das Publikum längst zu Hause ist, fährt der Kulturverein groß auf: Ein überdimensionaler Tisch in einem Nebenraum der Sporthalle. Alle Musiker und Organisatoren sitzen zusammen. Es ist kurz vor Mitternacht. In der Mitte des Tisches die wohl größte und umfangreichste Brotzeit-Platte, die ich je gesehen habe. Wein aus der Gegend und ein herzlicher Ausklang eines wunderbaren Abends.

Schade, Arnfels gehört zu den Boogie-Festivals, zu denen ich gerne nochmal gekommen wäre…

Christian Christl

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